warten auf die totale
Es ist Mittwoch, der 12. August. Der Tag der Tage ist da.
Das Auto ist für 10:00 Uhr bestellt und steht bereits da, als wir kurz davor an der Rezeption nach dem Schlüssel fragen. Vorher recherchiere ich nochmals gründlich nach den Parkiermöglichkeiten beim Far d’Artrutx. Reiner lässt sich bereits die ganze Woche behördliche Aktualisierungen von der KI schicken. Was für Möglichkeiten wir heutzutage haben!
Die Verkehrssituation wird voraussichtlich schwierig werden, Strassensperren sind geplant. Das ist kein Grund zur Panik, damit rechnen wir schliesslich schon seit Beginn unserer Idee, die Sonnenfinsternis zu betrachten.
Was mir allerdings einen kleinen Dämpfer verpasst: Der Passeig Marítim, den wir uns zum Parkieren ausgesucht haben, soll komplett für den Verkehr gesperrt, zur Fussgängerzone umfunktioniert und das Parkieren untersagt werden. Damit fällt unser Plan ins Wasser.
Die KI hat aber sofort eine Lösung parat: Entweder nach Cala Blanca und dort zwischen den Wohnhäusern parkieren oder nach Platja de Son Bou, wo es einen grossen Parkplatz geben soll. Im Nachhinein erfahre ich, dass 18'000 Menschen von diesem Strand aus das Spektakel beobachten. Umso froher bin ich, dass wir uns für Cala Blanca entschieden haben.
Wir fahren also Punkt 10:00 Uhr los, nachdem wir nicht nur den Autoschlüssel, sondern auch zwei Sonnenschirme bei der Rezeption abgeholt haben. Vermutlich haben Gäste sie bei ihrer Abreise zurückgelassen.
Das Glück ist uns hold: Direkt neben dem Mirador Cala Blanca gibt es eine Parklücke, wie für unsere Pelotilla geschaffen. Für die nächsten Stunden wird sie dort stehen bleiben. Im Kofferraum liegen die Sonnenschirme, das Stativ und das 50–500-mm-Objektiv, sicher in seiner Schutzhülle verpackt und mit einem hellen Tuch abgedeckt, damit das wertvolle Teil vor der Hitze geschützt ist.
Jetzt heisst es, Zeit totzuschlagen und der Sonne zu trotzen – der Sonne, wegen der wir überhaupt hier sind.
Wir setzen uns auf Treppenstufen im Schatten, schlendern durch den Supermercado Julia, kehren für ein paar Softdrinks im «Blarney Stone – S’irlandès» ein und geniessen den herrlichen Blick auf Mallorca und das Festland.
Am Morgen haben wir extra etwas Platz im Magen gelassen, um ihn mit ein paar Tapas zu füllen und so ein weiteres Weilchen zu überbrücken. Das passende Restaurant haben wir auch schon gefunden. Doch die Tür ist zu: Wegen der Sonnenfinsternis verlegen sie den Ruhetag von Dienstag auf Mittwoch.
Na denn. Dann hat das Restaurante Jenny’s etwas Leckeres für uns.
Den Rest des Nachmittags verbringen wir erneut im Blarney Stone, direkt beim Mirador del Sol. Als wir uns setzen, werden die freien Tische mit «Reserviert»-Schildern bestückt. Bei dieser Aussicht direkt Richtung Sonnenuntergang wundert mich das nicht. Niemand sagt, dass wir gehen müssen. Als uns jedoch ganz dezent die Rechnung gebracht wird, verstehen wir den höflichen Rausschmiss und verlassen die Location.
Beim Mirador del Sol ist noch nicht viel los. Ich setze mich auf eine Bank, während Reiner zum Auto geht und schaut, ob die Bänke dort noch frei sind.
Sind sie nicht.
Jemand hat Handtücher daraufgelegt und mit Steinen beschwert.
Bestimmt Deutsche!
Vorweggenommen: Diese «Deutschen» sprechen Englisch.
Also kehrt Reiner mit einem Sonnenschirm zu mir zurück. Wir legen unsere Sitzkissen auf das heisse Mäuerchen, das den Abschluss der Aussichtsplattform bildet, spannen den Schirm auf und setzen uns bequem hin. Mit Warten haben wir inzwischen Erfahrung.
Nach und nach trudeln immer mehr Leute ein. Viele sind mit Stühlen bewaffnet und wagen sich weit hinaus auf die schroffen Steine. Uns ist es auf unserem Mäuerchen wohl.
Reiner holt Objektiv und Stativ, stellt gemütlich das Stativ auf, verhüllt die Sonnenblende des Objektivs, das schön kühl geblieben ist, mit der Schutzfolie, montiert Objektiv und Kamera auf dem Stativ und richtet alles so ein, dass er die Kamera mit dem Handy steuern kann. Ich mache derweil ein paar Aufnahmen mit meinem Handy und der GoPro.
Die Stimmung ist friedlich. Einige haben Pizza mitgebracht, die Polizeipräsenz ist minimal.
Ich kann es kaum erwarten, dass der Mond sich über die Sonne schiebt. Immer wieder setze ich die Sonnenfinsternisbrille auf, um zu prüfen, ob der Sonne schon eine Ecke fehlt.
Da! Endlich beginnt das Spektakel.
Am Anfang ist noch nicht viel zu sehen, aber je weiter die Überlappung fortschreitet, desto magischer wird die Lichtstimmung. Rundherum schauen die Leute mit ihren Brillen in dieselbe Richtung.
Bilde ich es mir ein, oder wird es tatsächlich kühler?
In dem Moment, in dem der Mond die Sonne komplett verdeckt, bricht Jubel aus und die Leute klatschen. Es ist dunkel wie in der Nacht. Man sieht bloss Silhouetten und Handybildschirme.
Ich warte auf die Corona. Bei einer ringförmigen Sonnenfinsternis gibt es sie nicht, und auf diesen Moment habe ich mich am meisten gefreut. Doch ein paar Schleierwolken trüben den ganz grossen Augenblick etwas.
Einmalig und unbeschreiblich ist dieser kurze Moment allemal. Und ich möchte um nichts in der Welt darauf verzichten. Dafür war es wert, in der Hochsaison zu verreisen, das Meer, den Pool und die Restaurants mit vielen anderen Touristen zu teilen, auf Besichtigungen wegen Parkplatzproblemen und Hitze zu verzichten.
Ich würde jederzeit wieder hierherfahren, um genau diesen Moment zu erleben.
Aber halt! Es ist noch nicht zu Ende.
Auch wenn einige Leute bereits den Ort verlassen, beginnt es für mich erst so richtig spannend zu werden. Wird es wieder hell, wenn die Sonne zum Vorschein kommt, oder fängt die Dämmerung an, weil der Sonnenuntergang beginnt?
Wie bei einem normalen Sonnenuntergang mit leichten Schleierwolken am Horizont verfärbt sich der Himmel orange.
Nein. Es ist kein normaler Sonnenuntergang.
Das Licht ist fahl. Der Kontrast zwischen dem orange-roten, leicht von Schleierwolken überzogenen Himmel und dem türkisfarbenen Meer, das ebenfalls wie hinter einem Schleier wirkt, ist unglaublich. Und dann die Sonne, die als glühende Sichel im Meer versinkt.
Sowas gibt es nur einmal. Und nie wieder.
Als das letzte Zipfelchen der Sonne verschwindet, brandet nochmals Applaus auf. Die Leute stürmen die Restaurants und wir machen uns auf einen gewaltigen Stau gefasst.
Doch ganz so schlimm wird es nicht.
Es herrscht zwar reger Verkehr bei der Rückfahrt, aber aus unserer Richtung gibt es keinerlei Verkehrsbehinderungen.
Völlig euphorisch habe ich für die nächsten Stunden und den nächsten Tag kein anderes Thema mehr als dieses Erlebnis.
Was für ein Glück, dass ich bereits in einem Jahr wieder eine Sonnenfinsternis miterleben darf – diesmal in unserem geliebten andalusischen Städtchen Cádiz.
Und wenn das immer noch nicht genug ist, können wir im November 2030 nach Namibia und …