Nur noch wenige Tage in Schottland, das Wetter weint mit uns. Treffen wir wieder auf einen "Archie"? Finden wir eine Burg, die noch schöner ist als die bisherigen? Zeigt sich der Wettergott gnädig?
argyll & heimkehr
auf dem weg nach inveraray
Das Wetter am Abreisetag von Islay ist grau und nass – kein Abschied, der einem nachläuft. Wir fahren ohne Umwege nach Inveraray. Einmal mehr werden wir im Hotel herzlich begrüsst – diesmal wartet sogar eine bodenebene Dusche auf uns. Keine Badewanne zum Drübersteigen. Die kleinen Dinge zählen.
inveraray castle und die loch fyne oyster bar
Am nächsten Morgen ist es das Inveraray Castle, das uns den Tag strukturiert. Das Schloss am Ufer des Loch Fyne ist seit dem 15. Jahrhundert Sitz des Campbell-Clans – genauer gesagt der Dukes of Argyll, einem der mächtigsten Adelsgeschlechter Schottlands. Das heutige Gebäude, mit seinen vier markanten Ecktürmen und der neugotischen Fassade, wurde im 18. Jahrhundert errichtet und ist bis heute bewohnt. Die Innenräume sind opulent: Tapisserien, Gemälde, Familienwappen, ein Eingangsbereich, dessen Decken die Schilde aller Campbell-Familien zeigen. Interessant und hübsch – aber es sind zu viele Besucher für meinen Geschmack. Der Garten dahinter ist die eigentliche Entdeckung. Draussen blüht alles, was blühen kann, und ein betörender Duft liegt in der Luft. Je weiter man sich vom Schloss entfernt und durch die alten Bäume wandelt – darunter mächtige Sequoias – desto weniger Menschen sind da.
Nach dem Schloss essen wir bei der Loch Fyne Oyster Bar hervorragend: eine Brown Crab mit Chips für mich – die besten in ganz Schottland, bis sie kalt werden, weil ich damit beschäftigt bin, das Fleisch aus dem Tier zu pulen. Reiner isst eine Forelle mit Nizza-Salat, ebenfalls köstlich.
tinkers' heart und luss
Auf dem Weg nach Luss machen wir einen Abstecher zur Garron Bridge und zum Tinkers' Heart, einem herzförmigen Denkmal aus weissen Quarzsteinen nahe Cairndow. Es ist das einzige bekannte physische Denkmal der schottischen Fahrenden und wurde 2015 als Monument von nationaler Bedeutung anerkannt. Der Überlieferung nach legten fahrende Frauen die Steine nach der Niederlage im jakobitischen Aufstand nieder, um ihre gefallenen Männer zu ehren; schriftlich gesichert ist diese Entstehungsgeschichte allerdings nicht. Seit dem 19. Jahrhundert kommen Fahrende hierher, um zu heiraten, Kinder zu segnen und der Verstorbenen zu gedenken. Ein stiller, unscheinbarer Ort – und genau deshalb besonders.
In Luss, einem denkmalgeschützten Dörfchen am Westufer des Loch Lomond, spazieren wir zuerst an der Strandpromenade entlang – ein paar Hartgesottene schwimmen im See, wir bewundern das aus sicherer Distanz – und dann durch das hübsche Dörfchen zurück, vorbei an der verschlossenen Luss Parish Church mit ihren alten Steinen und dem kleinen Kirchgarten. Luss ist eines jener Orte, die man eigentlich nur kurz anschauen wollte und bei denen man dann doch länger bleibt als geplant.
kilchurn castle, st conan's kirk und ein picknick
Der nächste Morgen beginnt mit einem kurzen Umweg: zuerst zum Loch Fyne Deli, um Mittagessen zu kaufen, dann zur Garron Bridge, einer alten Steinbogenbrücke, die wir auf der Hinfahrt erspäht hatten und nicht einfach sausen lassen wollen. Klein, aber ein schönes Fotomotiv.
Dann das Kilchurn Castle am Loch Awe. Die Burgruine aus dem 15. Jahrhundert liegt auf einer Landzunge im Nordosten des Sees – ursprünglich eine Insel, die erst nach dem Absenken des Wasserspiegels im 19. Jahrhundert mit dem Ufer verbunden wurde. Sir Colin Campbell of Glenorchy liess sie erbauen; fast 250 Jahre diente sie dem Campbell-Clan als Machtzentrum, bis ein Blitzschlag im Jahr 1760 das Ende einleitete. Vom Viewpoint aus erhaschen wir einen ersten Blick auf die Ruine und sehen, wie ein Mann vor uns knietief im Moor versinkt und hinfällt. Er ist Deutscher und warnt uns freundlich davor, denselben Fehler zu machen. Reiner findet trotzdem einen trockenen Weg hinunter, ich warte lieber oben. Beim Parkplatz warten bereits Hochlandrinder auf uns – und wir laufen mit ihnen im Rücken rund 700 Meter zur Burg, die zum Teil eingerüstet ist, aber trotzdem eindrucksvoll wirkt. Hoch über dem See, mit dem weiten Loch Awe vor einem, begreift man sofort, warum hier jemand eine Festung bauen wollte.
Weiter dem Loch Awe entlang liegt die St Conan's Kirk. Die presbyterianische Kirche wirkt von aussen imposant – und von innen genauso. Rund um das Gebäude blüht und duftet es fast wie in den Gärten des Inveraray Castle.
Auf einem Picknickplatz essen wir unser mitgebrachtes Mittagessen aus dem Loch Fyne Deli – Schinkensandwich und Salat mit Flusskrebsen. Die Sonne hat inzwischen die Wolken verdrängt und es ist wunderbar warm.
carnasserie castle und kilmartin
Vor dem eigentlichen Dorf Kilmartin thront auf einer Anhöhe das Carnasserie Castle. «Willst du da hochlaufen?» – «Ja, willst du!» sagt Reiner. Ein Paar mit Hund kommt uns entgegen: «It's lovely» – «Lovely» scheint in Schottland das zu sein, was in den USA «nice» ist. Oben sind wir allein. Reiner erkundet die unteren Räume, ich steige auf den Turm. «Wo bist du?» – «In der Küche!» – «Kochst du was Feines?» Das Carnasserie Castle aus dem 16. Jahrhundert ist eine der am besten erhaltenen Turmhausruinen Schottlands und ein Highlight dieser letzten Reisetage.
Auf dem Friedhof der Kilmartin Parish Church – die Kirche selbst steht zum Verkauf und ist geschlossen – betrachten wir die Kilmartin Sculptured Stones, mittelalterliche Grabsteine mit eindrucksvollen Schnitzereien aus einer Zeit, als diese Gegend eines der bedeutendsten frühgeschichtlichen Zentren Schottlands war.
Den Abend beschliesst eine ominöse Spezialität aus dem Furnace Village Store: Crusted Pizza. Was auch immer das sein mag – wir ordern sie. Nach einer Weile des Wartens und noch längerem Rätseln im Hotelzimmer die Lösung: Es handelt sich um eine Pizza Margherita, in Teig getaucht und frittiert. Verboten lecker. Mein Magen sieht das anders.
falkirk, kelpies und heimkehr
Am letzten Reisetag packen wir die Koffer und geniessen noch ein letztes Mal ein traditionelles schottisches Frühstück. Aus dem Auto heraus werfen wir einen Blick auf das wundervolle Inveraray Castle. Auf dem Weg nach Edinburgh fahren wir am Stirling Castle vorbei und halten in Falkirk für zwei Attraktionen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Das Falkirk Wheel ist das einzige rotierende Schiffshebewerk der Welt und verbindet den Forth & Clyde Canal mit dem 24 Meter höher gelegenen Union Canal. Eine elegante Konstruktion aus Stahl, die zwei mit Wasser gefüllte Gondeln trägt und dabei nicht mehr Energie verbraucht, als es bräuchte, um acht Wasserkocher zum Kochen zu bringen. Technisch beeindruckend – aber der Besucherbereich drumherum wirkt eher wie ein Freizeitpark.
Die Kelpies gleich nebenan brauchen keinen Kontext, um zu beeindrucken. Zwei 30 Meter hohe Pferdekopfskulpturen aus Stahl – zu Ehren der Clydesdale-Arbeitspferde, die einst die Kanalboote zogen, und benannt nach den Kelpies, den mythischen Wassergeistern der schottischen Folklore. Schon allein ihre schiere Grösse verschlägt einem die Sprache.
Im Moxy-Hotel beim Flughafen Edinburgh checken wir ein, deponieren das Gepäck und fahren mit dem Mietwagen in die Stadt, um ihn bei Sixt abzugeben. Der Angestellte findet einen Kratzer, der in seiner Liste fehlt. Reiner hat ihn vor Reiseantritt fotografiert – leider auf der externen Festplatte, die im Hotel liegt. Wir bieten an, das Foto per Mail nachzuschicken, der Angestellte ist etwas mürrisch, lässt es dann aber gut sein.
Die Hitze und die Menschenmassen in der Stadt erschlagen uns fast. Gerade ist ein Halbmarathon zu Ende gegangen, dazu kommen Pfingstwochenende und Spring Bank Holiday – kombiniert mit Sommerwetter. Wir schlendern ein bisschen, essen noch einmal und fahren dann mit dem Airlink 100 zum Hotel, wo wir unseren Begrüssungscocktail einfordern.
Am nächsten Morgen laufen wir zum Flughafen – der Bus könnte an der letzten Haltestelle voll sein, und wer will schon dieses Risiko eingehen. Beim Check-in erfahren wir, dass wir zum Automaten müssen. Warum nicht gleich so? Bei der Security hängt Reiner, weil das Schweizer Taschenmesser im Handgepäck steckt statt im Koffer. Danach ist es entspannt: Essen in der All Bar One, zum Gate, Boarding. Der junge Mann neben uns kommt vom Junggesellenabschied seines Bruders.
Mit dreiviertel Stunden Verspätung landen wir in Basel. Der Pilot kündigt 33 Grad an – nach drei Wochen mit durchschnittlich zehn gefühlten fünf lässt uns das kalt. Oder heiss. Die Passkontrolle geht so schnell wie noch nie, das Gepäck kommt zügig. Bloss der Bus ist so voll, dass wir den nächsten nehmen.
Und dann sind wir daheim. Die Ferien sind vorbei. Schottland bleibt.