Voller Erinnerungen an die wundervolle Zeit in den Highlands & Speyside, sind wir gespannt, was uns in Fort William erwartet. Werden wir den Harry Potter-Zug sehen? Hält das Wetter?
fort william & glen coe
Dufftown liegt hinter uns. Mit dem Cairngorm National Park, den Speyside-Whiskystrassen und dem schrulligen Wirt im Maltings verabschieden wir uns von einem Landstrich, der sich tief eingeprägt hat. Das nächste Kapitel schlägt einen anderen Ton an: rauer, weiter, wilder.
robertson's larder und der zauberwald
Erster Halt: Robertson's Larder bei Beauly, ein kleiner Farmshop direkt an der legendären North Coast 500. Käse, Blutwurst, Lachs, Tablet, Irn Bru – wir decken uns ein. Nebenan, auf der Weide, stehen Hochlandrinder und Alpakas. Pflicht für jeden Schottland-Besucher.
Dann der Loch Ruthven. Hier lebt die Haubenente, eine seltene Tauchente, die an diesem See einen ihrer wenigen schottischen Brutplätze hat – weshalb wir auf den dazugehörigen Hide zusteuern. Der Weg dorthin führt durch einen Wald, der aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheint. Moos und Flechten auf jedem Stein und Ast, das Licht fällt in schmalen Bahnen durch das dichte Blätterdach, es riecht nach feuchter Erde und stiller Zeit. Wenn es so etwas wie einen Zauberwald gibt, dann ist er das. Die Haubenenten brüten dieses Jahr wegen des niedrigen Wasserstands leider woanders. Aber ein Ranger zeigt uns vor der Weiterfahrt zwei rote Milane, die über uns kreisen.
loch ness – mit und ohne monster
Am südlichen Ufer des Loch Ness steigen wir zu den Falls of Foyers ab – einem zweiteiligen Wasserfall, der sich über rund 45 Meter in eine tiefe Schlucht stürzt. Robert Burns war so ergriffen, dass er 1787 ein Gedicht darüber schrieb. Wir sind auch ergriffen, aber weniger poetisch: Das Tosen, die feuchte Luft, der moosige Wald drum herum – hier braucht es keine Worte.
Auf dem Rückweg am Loch Ness entlang halten wir an einem Viewpoint, von dem aus das Urquhart Castle am gegenüberliegenden Ufer zu sehen ist. Noch scheint die Sonne – aber über dem See zieht eine schwarze Wolke in Windeseile auf uns zu. Die ersten Tropfen fallen. Also ins Auto. Nessie selbst bleibt unsichtbar. Das einzige Exemplar, das wir zu Gesicht bekommen, sitzt als Plüschtier in einem Souvenirladen.
Die vielen Single Track Roads stellen sich als keine grosse Hürde heraus. Wenn beide Seiten die Regeln kennen und beachten, kommt man gut voran. Auch das Linksfahren wird erstaunlich schnell zur Gewohnheit.
fort william – schöne aussicht, kalte wohnung
Unsere Wohnung in Fort William liegt am Hang, die Aussicht ist schön. Das Bett weniger: Ein Queensize statt des versprochenen grossen Doppelbetts. Der Vermieter erklärt, in GB gelte das als Kingsize – was stimmt, wie eine kurze Recherche bestätigt. Gross ist es trotzdem nicht. Dazu sind die Fenster undicht, und die Heizung folgt einem eigenwilligen Programm: Viermal täglich springt sie an, heizt bis irgendwo zwischen 17 und 22 Grad – und schaltet sich dann wieder ab. Das bedeutet: kurze Schweissausbrüche, gefolgt von langen Frostphasen in einer zugigen Wohnung. Die begeisterten Bewertungen anderer bleiben mir ein Rätsel.
Den ersten Abend essen wir bei The Geographers – Muscheln mit Knoblibrot für mich, einen Burger für Reiner. Als Dessert gibt es Cranachan: Sahne, Whisky, Honig, Haferflocken und Himbeeren, das klassische schottische Dessert. Es ist um Welten besser als der erste Versuch in Edinburgh – leicht, luftig, mit einem deutlichen Hauch Whisky.
glen coe – auch bei regen ein traum
Den nächsten Tag verbringen wir im Glen Coe. Beim Visitor Center schauen wir uns zuerst eine rekonstruierte Torfhütte an – eine dieser kargen, geduckten Behausungen, in denen die Highlander einst lebten, bevor die Clearances sie von ihrem Land vertrieben. Das Glen Coe trägt diese Geschichte mit sich; man spürt sie in der Weite und Stille des Tals.
Das Wetter hält nicht, was der Morgen verspricht. Doch das Glen Coe braucht keine Sonne. Die Berge, die das Tal flankieren – Bidean nam Bian, der Aonach Eagach, die Three Sisters – stehen in Wolken gehüllt wie etwas, das lieber nicht vollständig gesehen werden möchte. Das Licht ist weich und grau, die Hänge sind in tausend Grüntöne getaucht, ein Bach glitzert durch das Moor. Wer hier durchfährt und denkt, er könne es sich kurz anschauen, irrt sich. Das Tal hält einen fest.
Im The Ben Lui Restaurant in Crianlarich wärmen wir uns auf. Reiner isst einen köstlichen Lachs, ich ein Steak Pie, sehr zu empfehlen.
der verpasste harry-potter-zug und die besten muscheln der welt
Der nächste Morgen gehört Glenfinnan. Wir sind die ersten beim kleinen Parkplatz unterhalb des Bahnhofs und warten gespannt auf dem Perron auf den Harry-Potter-Zug. Er kommt nicht. Es wird auch keiner kommen. Um wenigstens irgendeinen Zug zu sehen, warten wir den nach Glasgow ab, schauen uns das kleine Bahnhofsmuseum an und fahren zum Viadukt. Gross steht «No Steam Train» geschrieben – trotzdem sind viele Besucher da, und eine Drohne kreist über dem Viadukt, obwohl das verboten ist.
Bevor wir nach Mallaig weiterfahren, halten wir beim Glenfinnan Monument. Der 18 Meter hohe Rundturm wurde 1815 errichtet zum Gedenken an die Highlander, die 1745 unter Bonnie Prince Charlie für die jakobitische Sache kämpften und starben. Auf dem Gipfel steht eine einsame Highlander-Figur, die den Blick über Loch Shiel hält – dorthin, wo die Männer einst aufbrachen und von wo die meisten nicht zurückkehrten. Ein stiller, würdevoller Ort.
In Mallaig, am Ende der Strasse, entschädigt das Mittagessen für den verpassten Zug. Im The Crab & Creel esse ich Muscheln mit Fenchel – die besten meines Lebens. Das Muschelfleisch ist so hauchzart, dass ich dem Kellner sage, wie begeistert ich bin. Er meint stolz, die Muscheln würden bloss sieben Meilen von hier entfernt geerntet. Das schmeckt man. Reiner isst Fischküchlein, die er ebenfalls sehr mag. Am Nachbartisch inszeniert sich ein amerikanischer Gast, bestellt Whisky um Whisky, gibt dem Nachbarn zum Probieren und hält das ganze Restaurant auf dem Laufenden: Anreise mit dem Zug, nächste Station Skye, Lieblingswhisky Talisker. Es ist mehr amüsant als störend.
Am nächsten Morgen räumen wir den Kühlschrank leer. Was übrig bleibt, wird gefrühstückt – ab jetzt gibt es nur noch Hotels mit Frühstück. Die Zeit der Selbstverpflegung ist vorbei.
Das Tal hat uns festgehalten – aber die Fähre wartet nicht. Bald geht's weiter!