Mövenpick Hamburg Sternschanze
Mövenpick Hamburg Sternschanze

was soll schon passieren? ostern in hamburg

«Seid Ihr wahnsinnig, mit der Deutschen Bahn nach Hamburg zu fahren?», hatten sie gesagt.

«Was soll schon passieren? Wir steigen am Morgen in Basel ein und am Nachmittag in Hamburg aus. Selbst wenn wir Verspätung haben sollten, ist das nicht schlimm.»

Eine Woche vor Abfahrt landete ein E-Mail in meinem Postfach. Der Betreff: «Fahrplanänderung für Ihre Reise». Die Botschaft, verpackt in mustergültige Höflichkeit: Der gebuchte Zug fährt nicht mehr direkt. Wegen Bauarbeiten. Stattdessen: Basel – Zürich – Stuttgart – Hamburg. Statt einer Verbindung neu deren drei, statt Nachmittag neu Abend. Und am Ende des langen Texts, fast schüchtern: «Ich danke Ihnen für das Verständnis und ich bitte Sie um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten.»

Ich war wütend. Reiner suchte nach Alternativen - aber die gab es nicht, wenn wir nicht auf den Kosten sitzen bleiben wollten. Was blieb uns anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beissen?

Ich fragte mich bangend, ob das Ticket auch für die Strecke von Basel nach Zürich gültig sein würde. Ja, bestätigte das Reisebüro wiederholt auf unsere Nachfrage, nein, meinte der Kondukteur bei der Kontrolle. Schliesslich liess er uns fahren, aber unangenehm war die Situation alleweil und im Hinblick auf die Rückreise bereitete es mir Bauchschmerzen.

Zugsausfall

In Zürich stiegen wir in den Zug nach Stuttgart um. Obwohl die Bahn mit aussergewöhnlich grossem Reiseaufkommen rechnete, bestand der Zug bloss aus vier Zweitklass - und einem Erstklasswagen.

Wir hatten unsere reservierten Sitzplätze kaum bezogen, mussten die ersten Passagiere bereits stehen. Der Ausblick auf den Rheinfall liess mich kurz meinen Ärger vergessen, aber nach der Grenze in Deutschland stiegen so viele Leute zu, dass ein dichtes Gedränge herrschte.

Rheinfall

Der Zugchef gab durch, dass der Zug rappelvoll sei und auf dem Nebengleis ein weiterer Zug nach Stuttgart fahren würde. Eigentlich dürfe er nicht weiterfahren, was er am übernächsten Bahnhof dann auch nicht mehr tat. Es mussten Menschen aussteigen, weil die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden konnte. Allenfalls würde der Zug mit Polizeigewalt geräumt, kam die Durchsage, doch auch diese Drohung brachte nicht viel Bewegung in die Menschenmassen.

Letztendlich war es dann geschafft, wir fuhren mit zwanzig Minuten Verspätung weiter, die Gänge und Eingänge waren jedoch noch immer mit Leuten und Gepäck vollgestopft. Der Weg zum WC war nicht lang, aber äusserst mühsam. Nur mit Müh und Not konnte ich mich an den Menschen vorbeiquetschen. Und als ich es endlich geschafft hatte, war die Klotür minutenlang verschlossen. Schliesslich wurde es mir zu bunt und ich drückte die Klinke herunter, da kam eine Frau mit viel Gepäck raus. Vermutlich hatte sie geglaubt, einen gemütlichen Sitzplatz ergattert zu haben.

Nach rund dreieinhalb Stunden erreichten wir Stuttgart. Die Türen öffneten sich kaum einen Spalt, da drängte sich bereits die wartende Menge durch den Eingang – Koffer gegen Koffer, Ellbogen gegen Rücken. Anstand kennen die wohl nur aus Entfernung. Zum Glück hatten wir genügend Zeit, um trotz Verspätung in den ICE nach Hamburg zu kommen, denn auch das Perron war so voll, dass es nur langsam vorwärts ging.

Im Zug dann die nächste Enttäuschung: Wir hatten den einzigen Platz ohne Fenster. Da aber die beiden Plätze vor uns frei blieben, konnten wir wechseln. Das erste Mal an diesem Tag war die Welt wieder in Ordnung für mich.

Die nächsten gut sechs Stunden Fahrt waren kurzweilig – so hätte es eigentlich von Basel bis Hamburg sein können.

Eine Durchsage, dass der Besitzer eines dunkelblauen Koffers unverzüglich in den Wagen 14 kommen solle, beherrschte die erste Zeit. Der Koffer würde in Mannheim ausgeladen, wenn sich niemand meldete.

Dort angekommen, kam der Schaffner und wies einen Mann an, den Zug zu verlassen, die Polizei warte auf ihn. Reiner holte währenddessen unser Mittagessen im Bistro und brachte die Geschichte mit: Ein Mann hatte randaliert, weil er nicht mit einem Zweihundert-Euro-Schein bezahlen durfte. Nun sei dieser der Polizei übergeben worden. Und ich hatte gedacht, es hätte etwas mit dem blauen Koffer zu tun.


Ankunft in Hamburg

In Hamburg stiegen wir in die U3 ein und bei der Sternschanze wieder aus, denn dort lag unser Hotel in einem ehemaligen Wasserturm mitten im Schanzenpark. Die Rezeption, unser Zimmer im siebten Stock und die Aussicht gefielen mir ausgezeichnet.

Wir machten uns ein bisschen frisch und gingen auf der anderen Seite der Gleise ins Restaurant «Altes Mädchen», das zur Brauerei «Ratsherrn» gehört, essen. Das Brauhaus dröhnte vor Stimmen, Gelächter und Musik, die Holzbänke waren bis auf den letzten Platz besetzt – urig, wie es sein soll.

Das Brauhaus ist gross, originell und laut. Mir gefiel das Ambiente und abgesehen vom Salat war das Essen gut. Im Gegensatz zu mir mochte Reiner das Bier, ich genoss lieber eine Rhabarberschorle. Beim Hinausgehen tröpfelte es leicht, aber wir hatten es nicht weit bis ins Bett.

Altes Mädchen
Schnitzel
Mövenpick Hamburg Sternschanze

Am Samstag hiess es früh aufstehen, denn wir hatten Tickets für morgens um sieben Uhr ins Miniatur Wunderland. Wir waren etwa zehn Minuten zu früh da und nicht die ersten. Die Leute drängten hinein, aber weil es der erstmögliche Termin des Tages war, konnten wir an sämtlichen Stationen mit allenfalls minimal kurzer Wartezeit an vorderster Front die Attraktionen betrachten.

In einer Rezension hatte ich gelesen, es sei «halt einfach eine grosse Modelleisenbahn». Aber es ist weit mehr als einfach eine Modelleisenbahn. Zwar fahren überall Züge auf Gleisen durch die Landschaften, aber diese haben es in sich. Tausende winziger Figuren sind liebevoll aufgebaut, von Autorennen über Gondelbahnfahrten, von Flugzeugstart und -landungen über ein DJ-Bobo-Konzert gibt es unzählige Details zu entdecken. Da ist eine Leiche im Wasser, dort vergnügt sich ein Liebespaar im Sonnenblumenfeld und mit etwas Glück bekommt man in der Schweiz ein Täfelchen Lindt-Schokolade.

Ich stand vor der «Elphie» – dem Miniaturmodell, wohlgemerkt – und drückte den Knopf. Das Gebäude öffnete sich wie ein Buch, gab das Innere frei, Musik schwoll an, und für einen Moment vergass ich völlig, dass ich ü50 bin.

Wie ein kleines Kind freute ich mich, wenn Bagger tanzten, ein Kletterer einen Berg erklomm, eine Bahn in Betrieb ging, ein Karussell sich zu drehen begann oder der DJ Bobo ein Konzert gab.

Regelmässig neigte sich der Tag dem Ende zu. Dann gingen die Lichter an und das Nachtleben begann, bis wieder ein neuer Tag erwachte.

Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland
Miniatur Wunderland

Nach zwei Stunden waren wir an jeder Station vorbei, aber zu sagen, wir hätten alles gesehen, wäre übertrieben. Trotzdem war es genug für heute und wir hatten Hunger. Im «Butterbrot Café-Bistro» wurde er gestillt. Das Café hatte für jeden Geschmack etwas auf der Karte und so wurden auch wir schnell fündig.


Gesättigt strebten wir der «Elphie» zu, um auf der «Plaza» die Aussicht zu bewundern. Vor uns standen nur wenige Leute an, um ein kostenloses Ticket für die Aussichtsplattform zu bekommen, zu der eine einzigartige, gebogene Rolltreppe führt. Die Aussicht ist herrlich und sollte bei keinem Hamburg-Besuch fehlen. Der Wind blies gewaltig, Sonne und Wolken wechseln sich ab, aber es blieb trocken.

Elbphilharmonie
Plaza Elphie
Plaza Elphie
Plaza Elphie

Der nächste Punkt war die Kaffeerösterei, doch da war ich etwas enttäuscht. Meine Hoffnung, eine Rösterei zu besuchen wurde zerschlagen. Es handelt sich vielmehr um ein sehr beliebtes Café und einen hübschen Laden mit Delikatessen, Kaffee- und Teegeschirr, sowie natürlich Kaffee.

Speicherstadt
Kaffeerösterei
Speicherstadt

Wir zogen weiter durch die Speicherstadt und gelangten schliesslich beim Westfield Hamburg-Überseequartier an, das vor einem Jahr seine Tore eröffnet hatte.

Es gab jede Menge Geschäfte zu entdecken. Wir bummelten durch die Gassen und setzten uns in eines der zahlreichen Restaurants, um uns zu erfrischen und die Leute zu beobachten.

Westfield

Zwei Frauen fielen auf, weil sie so riesige Calvin Klein-Taschen mit sich trugen, wie ich sie noch nie gesehen hatte.

Anschliessend schlenderten wir am Kai entlang und genossen das bunte Frühlingstreiben. Es erinnerte ans Basler Rheinbord an einem sonnigen Tag.

Westfield
Westfield

Inzwischen war das Frühstück verdaut und wir hofften einen der wenigen, begehrten Tische in der schrägen Oberhafen-Kantine zu ergattern. Der Fussmarsch sollte belohnt werden, wir bekamen den letzten Tisch, alle anderen, die nach uns kamen, wurden wieder weggeschickt.

«Hamburgs schrägster Ort», nannte ein Reporter dieses Häuschen und tatsächlich gibt es keine gerade Wand an dem urigen Ort, an dem handgemachte, regionale und saisonale Spezialitäten angeboten werden. Reiner probierte sein erstes Labskaus – das Beste, wie ihm versichert wurde – und ich genoss einen Seelachsburger mit Bärlauchsauce. Sie sollte recht behalten: Das Essen war ein Genuss und die Originalität des Ortes kaum zu übertreffen.

Zum Dessert gönnten wir uns eine Rhabarbergrütze, auch die war hervorragend zubereitet. Als wir das Lokal verliessen, wurde es gerade einer Gruppe Touristen an einer Führung präsentiert.

Oberhafen-Kantine
Oberhafen-Kantine
Oberhafen-Kantine
Labskaus
Seelachsburger

Was jetzt? «Planten un Blomen» hielten wir beide für eine gute Idee zum Abschluss des sonnigen Tages und wir wurden nicht enttäuscht. Die Kirschbäume standen in voller Blüte und lockten Influencer, aber auch uns an, um die zarten Blüten auf Film und Foto festzuhalten. Immer wieder setzten wir uns hin, genossen den herrlichen Tag, um dann wieder weiter zu schlendern. Im Hotel angekommen, beschlossen wir den Abend mit einem Drink in der Cave Bar des Hotels.

Planten un Blomen
Planten un Blomen
Planten un Blomen
Planten un Blomen
Planten un Blomen
Planten un Blomen
Cave Bar

Den Ostersonntag wollten wir gemütlich beginnen. Für zehn Uhr hatten wir eine Reservation im Café Paris in der Nähe des Rathauses. Weil der Himmel grau war, verwarfen wir den Plan, vorher den Sonnenaufgang fotografieren zu gehen und trödelten im Hotelzimmer herum.

Ich hörte laute Stimmen, ein Streit zwischen Männern, wie es schien. Beim Öffnen des Fensters wurden die Stimmen lauter und ich roch Zigarettenrauch, also schloss ich das Fenster schnell wieder. Ich begab mich ins Bad, da ertönte eine Lautsprecherdurchsage, dass wegen eines technischen Vorfalls das Hotel geräumt würde. Wir müssten uns unverzüglich ins Freie begeben, dabei die Notausgänge, aber auf keinen Fall die Lifte benutzen.

Kleider von gestern – keine Zeit für mehr. Handy, Jacke, Reiner bereits an der Tür. Sieben Stockwerke die Treppe hinunter, und kein Mensch wusste, ob das Gebäude wirklich brannte. Zwei junge Frauen kamen im Bademantel aus dem Notausgang, jemand anderes schleppte seinen gepackten Koffer mit – als hätte er nur auf diesen Moment gewartet.

Irgendwann verstummte die Stimme, die zur Evakuation mahnte, aber es gab keine Entwarnung. Keiner wusste so recht, ob wir wieder ins Hotel zurückdurften. Es herrschte Ratlosigkeit und als der Erste wieder zurückging, folgten ihm die Lemminge.

Wir warteten wie rund die Hälfte der anderen Gäste auf Anweisungen und begaben uns erst wieder ins Innere, als ein Kellner mit einer Handbewegung Richtung Tür deutete. Von drei Liften fuhren nur zwei und trotzdem hielten sich die Wartezeiten in Grenzen.


Ganz anders, als wir geduscht und umgezogen in Richtung Innenstadt aufbrechen wollten. Da war der eine Aufzug noch immer nicht in Betrieb und die beiden anderen fuhren am siebten Stock vorbei, oder wenn sie hielten, waren sie voll. So warteten wir mehrere Minuten, bis wir endlich mitfahren und zur U-Bahn konnten.

Während der Fahrt zum Rathaus begann es zu regnen. Die Kapuzen halfen, trockenen Hauptes im Café Paris anzukommen. Das Restaurant hat hohe, verzierte Decken und ist sehr gemütlich. Wir entschieden uns für ein Frühstück für zwei mit Crémant, Orangensaft, einem Heissgetränk, Croissant, Brötchen, Konfitüre, Käse, Wurst, Lachs und Ei. Brötchen wurden in einem Körbchen serviert, alles andere war auf einer dreistöckigen Etagere angerichtet. Ich hatte eine heisse Schokolade gewählt, die exzellent war und auch alles andere (von der Salami reden wir jetzt nicht) schmeckte vorzüglich.

Café Paris
Café Paris
Café Paris
Café Paris

Mir graute ein bisschen davor, im Regen durch die Stadt zu marschieren, doch bis wir mit dem Frühstück fertig waren, lugte bereits wieder die Sonne zwischen den Wolken hervor und begann, die nassen Oberflächen zu trocknen. Wir spazierten über den Rathausplatz und bewunderten das Gebäude von aussen, denn es sah geschlossen aus. Im Nachhinein bereue ich es, nicht versucht zu haben, ins Innere zu gelangen, aber es gibt bestimmt ein nächstes Mal.

Rathaus
Rathaus
Rathaus

Vom Rathausplatz aus konnten wir einen Kirchturm sehen. War das der «Michel»? Erst als wir davorstanden, war klar, dass der Turm dem Mahnmal St. Nikolai gehörte. Die Hauptkirche erinnert an die Opfer des Bombenangriffs vom Zweiten Weltkrieg.

Mahnmal St Nikolai
Mahnmal St Nikolai
Mahnmal St Nikolai

Nun war aber der «echte» Michel an der Reihe. Als wir bei der Hauptkirche St. Michaelis ankamen, muss gerade ein Gottesdienst zu Ende gegangen sein, denn die Leute strömten aus der berühmten Kirche. Wir setzten uns ins gegenüberliegende Café und warteten, bis sich die Reihen gelichtet hatten, bevor wir einen Blick ins Gotteshaus warfen.

Überraschend hell strahlte uns der Innenraum entgegen. Weiss und viel Gold beherrschte den Raum und ich hätte wetten können, dass es sich um eine katholische Kirche handelt, aber da irrte ich mich. Der «Michel» ist eine evangelische Kirche.

Auf der Website der Michaeliskirche wird sinngemäss beschrieben, dass man beim Kennenlernen des Michels auch etwas über die Hamburger selbst lerne: Auf den ersten Blick wirke er zurückhaltend und ein wenig formell, dabei stecke in ihm sehr viel Raum und Herz - und ich fand, das trifft es ganz gut.

St. Michaelis
St. Michaelis
St. Michaelis
St. Michaelis
St. Michaelis

Nun gelüstete uns nach etwas Natur. An der Aussenalster war es Zeit, die Sonnenbrille auszupacken. Auf einer Parkbank beobachteten wir die Enten beim Brüten, die Segelschiffe bei ihren Wendemanövern und die Spaziergänger sowie Sportler auf ihren Wegen von A nach B. Auch wir spazierten dem Ufer entlang und landeten letztendlich in der Nähe des Hauptbahnhofs, wo wir bei einem vietnamesischen Essen den Tag beschlossen.

Aussenalster
Aussenalster
Aussenalster
Ente
Mango Cheesecake

Montag war Reisetag. Beim Auschecken wollte uns die Rezeptionistin eine offene Bar-Rechnung verrechnen, vermutlich ein Irrtum, denn wir hatten unsere Getränke bereits am Samstag bezahlt.

Ich fragte sie nach dem Grund für die gestrige Evakuation. Die Antwort kam trocken: Jemand über uns hatte geraucht.

Bei herrlichem Sonnenschein suchten wir «Junge Die Bäckerei» auf und probierten unser erstes Franzbrötchen. Beim ersten Biss knackte die karamellisierte Kruste, darunter – federleicht, mit einem Hauch Zimt – das weiche Innere. Wir schauten uns an und sagten nichts. Manche Dinge erklären sich von selbst.

Franzbrötchen

Das Café hatten wir wegen seiner Nähe zum Bahnhof ausgesucht. So waren wir mit nur ein paar Schritten im Zug und sassen auf unseren reservierten Plätzen im Ruhewagen. Erst war ich verärgert, dass wir uns so viele Stunden ruhig verhalten sollten, aber bald schon empfand ich dies als sehr angenehm.

Hamburg Hauptbahnhof

Die Zugfahrt war herrlich, alles funktionierte bestens - bis drei Minuten vor Einfahrt in den Frankfurter Hauptbahnhof der Zug stehenblieb. Vor uns war eine Weiche defekt, die nicht mehr repariert werden konnte. Der Lokomotivführer musste den ganzen langen Zug durchmarschieren, um am Ende in die Lokomotive zu steigen und den Zug zurückzufahren. Mit einem grossen Bogen und über einer Stunde Verspätung erreichten wir den Bahnhof in Frankfurt.

Gaby
Frankfurt

Diese Verspätung konnte bis Stuttgart nicht mehr gutgemacht werden. So blieben uns statt knapp zwei Stunden nur noch rund dreissig Minuten Zeit für das Kaufen unseres Abendessens, bevor der Zug Richtung Zürich abfuhr.

Wie bereits bei der Hinfahrt, platzte auch dieser Zug fast aus allen Nähten. Vor allem die Zweite Klasse war zum Bersten voll, aber auch in der ersten Klasse standen viele in den Gängen. Einige Personen mit Sitzplatzreservationen hatten weniger Glück als wir: Ihre Plätze wurden von anderen Reisenden besetzt, die sich weigerten, diese wieder freizugeben.

Mit einer Viertelstunde Verspätung fuhr der Zug endlich los. Eine Durchsage vermeldete, dass jedoch bereits in Böblingen Schluss sei, falls das Personal nicht durch die Gänge käme, weil dies ein Sicherheitsrisiko darstellen würde. Und so kam es, dass wir in Böblingen stehenblieben und die Passagiere mehrfach aufgefordert wurden, den Zug zu verlassen. Ihnen wurde ein Gutschein von dreissig Euro versprochen, wenn sie der Bitte Folge leisten würden. Einige nutzten die Gelegenheit, trotzdem dauerte es lange, bis sich der Zug wieder in Bewegung setzte.

Auf der Anzeige erkannten wir, dass wir in Zürich den Anschluss, den unser Reisebüro für uns herausgesucht hatte, verpassen würden. Das hiess, dass wir erst weit nach Mitternacht zu Hause ankommen würden und hinzu kam noch die Sorge, als Schwarzfahrer zu gelten, weil unser Ticket für die Schweiz nicht gültig war – trotz gegenteiliger Versicherung des Reisebüros.

Je näher wir der Schweizer Grenze kamen, desto grösser wurde die angekündigte Verspätung. Auf einmal erhielt Reiner die Meldung, dass der Zug bloss bis Schaffhausen statt nach Zürich fahren würde.

Im ersten Moment war ich geschockt, doch im zweiten fanden wir eine Regionalbahn von Singen über Schaffhausen nach Basel auf deutscher Seite, sodass wir erstens früher zu Hause sein konnten und zweitens keine Bedenken haben mussten, mit ungültigem Ticket zu reisen.

Schnell packten wir unsere Siebensachen und stiegen in Singen um. Das Erste-Klasseabteil bestand gerade mal aus acht Sitzplätzen und obwohl der Zug bis Basel vierzehn Mal stehen blieb, waren wir glücklich, diese Verbindung gefunden zu haben.

Trotzdem wurde es Mitternacht, bis wir die Wohnungstür aufschlossen und todmüde ins Bett fallen konnten.

So schön die beiden Tage in Hamburg waren, schworen wir uns, nie wieder an Ostern zu verreisen und schon gar nicht mit der Deutschen Bahn!

Schau Dir auch das Video dazu an: Wir wollten nach Hamburg. Die Bahn schickte uns zum Rheinfall.

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