endlich wieder mal berlin

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Schmerzende Füsse, Sonnenschein pur, kulinarischer Hochgenuss und ein bitteres Ende - das Fazit unseres 20. Hochzeitstages+++ in Berlin.

Seit Monaten freute ich mich auf die Berlin-Reise. Letztes Mal mussten wir krankheitshalber den Besuch in Deutschlands Hauptstadt stornieren, aber dieses Mal hielt uns nichts davon ab, ins Flugzeug zu steigen. Wir logierten im trendigen 25hours Hotel Bikini Berlin. Im Jungle L Zimmer hatten wir einen herrlichen Blick auf die Affen im Zoo und konnten sowohl den Sonnenauf- wie -untergang aus der Hängematte beobachten. Das Frühstück genossen wir im dazugehörigen Neni, wo ich mir den Bauch mit leckerem Humus vollschlug.

     

Da wir schon mehrere Male in Berlin waren, wollten wir es diesmal ruhig angehen. Trotzdem zeigten unsere Schrittzähler täglich fünfstellige Zahlen an.


gärten der welt

Eines der Highlights waren die Gärten der Welt im Stadtteil Marzahn. Wir starteten mit der Seilbahn bei der Station Kienbergpark an der Hellersdorfer Strasse. Dorthin kamen wir bequem mit der U-Bahn, wo wir an der Haltestelle "U Kienberg (Gärten der Welt)" ausstiegen. Wir spazierten durch den Englischen Garten, verglichen den Orientalischen Garten mit der Alhambra in Granada (kein Vergleich, trotzdem sehr gut gemacht!), schwitzten in der Tropenhalle des Balinesischen Gartens, durchquerten den Koreanischen und den Japanischen Garten und landeten im Christlichen Garten. Letzterer überraschte mich am meisten, denn darunter konnte ich mir so gar nichts vorstellen. Er wurde 2011 fertiggestellt und hatte den Kreuzgang als zentrales Thema. Texte aus dem Alten und Neuen Testament, die in goldfarben lackierten Lettern den Wandelgang abschlossen, bildeten einen wundervollen Kontrast zu den Pflanzen. Mir hat dieser Garten am besten gefallen. Im Teehaus des Chinesischen Gartens ruhten wir uns bei einer Kanne gelbem Tee aus und liessen den Blick über den See gleiten. Schliesslich verliessen wir die wundervolle Grünanlage wieder mit der Seilbahn und beendeten einen schönen Ausflug in eine der vielen grünen Oasen Berlins.

          


am spreeufer

Wir hofften, im Zalando Outlet Berlin ein Schnäppchen machen zu können, doch mehr als ein Paar Schuhe für jeden schaute nicht heraus. Wesentlich schöner war der Spaziergang dem Spreeufer entlang bis zur Oberbaumbrücke und auf der Friedrichshainer-Seite an der East Side Gallery entlang zurück. Verwundert rieben wir uns die Augen wegen der vielen Hütchenspieler und noch mehr darüber, dass es immer noch so viele Leute gab, die auf diese Trickbetrüger herein fielen. Beim berühmten Kuss stiegen sich die Touristen fast auf die Köpfe, so dass wir nicht richtig dazukamen, das berühmteste Bild der Mauer zu fotografieren. Das macht aber nichts, denn dies kennt sowieso schon jeder, der einmal etwas von Berlin gesehen hat.

     


bus nummer 100 und 200

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Busse Nummer 100 und 200 bei den Touristen beliebt sind für eine Sightseeing-Rundfahrt. Die Linien führten an den bekanntesten Sehenswürdigkeiten vorbei. Sie starteten beim Zoologischen Garten und endeten am Alexanderplatz. Auch wir nutzten den Bus mehrmals, denn eine Haltestelle lag gegenüber dem Bikini Berlin, dem auch das 25hours Hotel angehörte. Früher wurde auf dem denkmalgeschützten Areal Bikini Berlin Mode hergestellt und verkauft. Der Name "Bikini" erhielt das 200 Meter lange Gebäude wegen seiner zweiteilig wirkenden Architektur, die an die in den fünfziger Jahren moderne Bikinimode erinnerte. Heute beherbergt das Bikinihaus eine Concept Shopping Mall. Mir gefiel es, durch die Mall zu streifen und beim grossen Glasfenster einen Blick auf die Affen im Zoo zu werfen.

Wir starteten unsere Bustour beim Breitscheidplatz mit Blick auf die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, das Motel One und das Waldorf-Astoria. Dass wir in einen Stau kamen, fand ich nicht schlimm, so konnten wir die vorbeiziehenden Gebäude etwas besser betrachten. Einmal registrierten wir verblüfft, wie ein Paar mit seinem Schwein spazieren ging. Wir kamen an einigen Botschaften wie zum Beispiel der Botschaft des Königsreichs Saudi-Arabien vorbei. Beim Reichstagsgebäude wartete eine lange Menschenschlange auf Einlass, um in die verglaste Kuppel zu gelangen. Diese hatten wir bereits vor Jahren besucht und waren hell begeistert von der Besichtigung. Das Brandenburger Tor war für dieses Mal keine Attraktion für Touristen, sondern für Fussballfans, die sich durch das Ausscheiden Deutschlands nicht vom WM-Fieber abbringen liessen. Am Dom vorbei, stiegen wir bei der Haltestelle "Spandauer Str./Marienkirche (Berlin)" aus, um ein paar Fotos vom Fernsehturm zu schiessen.

     


weitere attraktionen

Selbstverständlich gibt es noch viel mehr Sehenswertes in Berlin, als die Attraktionen an der Buslinie. Wir verweilten sehr gerne beim Hackeschen Markt, wo wir unter Anderem das Ausscheiden der Schweizer Nationalmannschaft im Achtelfinale  die gegen Schweden mitverfolgten. Das war bitter, aber das Leben und unsere Ferien gingen weiter.

Die Besichtigung des Fernsehturms hatten wir entspannter in Erinnerung. Unzählige Leute standen an, um auf die Plattform zu gelangen, im Restaurant war kein Platz zu ergattern und auch die Aussicht blieb oft von anderen Touristen versperrt. Wenn man dann aber eine Lücke fand, so war der Blick von oben auf die Stadt einmalig.

Wesentlich interessanter, wenn auch überraschend gut besucht, war das Stasi-Museum in Lichtenberg. Ich hatte bislang einiges über die Stasi gelesen und gehört, aber diese Dichte an Informationen in den originalen Räumlichkeiten war schon beeindruckend und löste Entsetzen aus, dass so etwas vor nicht allzu langer Zeit Tatsache war.

   

An einem ganz besonders schönen Tag (eigentlich waren alle sechs Tage wunderschön) standen wir am Perron beim Bahnhof Zoologischer Garten, um mit der S-Bahn zum Wannsee zu fahren. Wir wollten eine Schiffstour 7-Seen-Rundfahrt über die Havelseen unternehmen. Als der Zug einfuhr, wurde per Lautsprecher-Durchsage verkündet, dass er in Wannsee nicht halten würde, also suchten wir eine Verbindung mit der Regionalbahn heraus. Ein paar Minuten vor Ablegen des Schiffes, suchten wir uns ein Plätzchen, doch alle Aussenplätze waren bereits belegt. Ausserdem lagen sie allesamt in der prallen Sonne, so dass wir uns im Inneren wohler waren. Schade war bloss, dass uns der Fahrtwind nicht um die Nase wehte. Schön war es trotzdem.


hochzeitstag

Am Mittwoch feierten wir unseren 20. Hochzeitstag - die Porzellanhochzeit. Reiner hatte am Tag zuvor einen Sekt bestellt, um beim Frühstück auf unseren Hochzeitstag anstossen zu können. Als wir beim Neni eintrafen, war für uns ein Tisch mit Blick auf den Zoo reserviert. Eine Kerze brannte und in einer Vase steckten frische Blumen. Zwei Sektgläser und eine Karaffe mit Orangensaft warteten auf uns. Der Sekt wurde serviert und ging sogar aufs Haus. Ich war total gerührt. Leider hatte ich keine Kamera dabei und auch Reiner vergass, die Überraschung zu fotografieren. So bleiben uns nur ein paar Bilder vom Neni ohne unseren liebevoll gedeckten Tisch.

 

Es folgte ein gemütlicher Tag in Berlin. Im Gegensatz zum Tag der Hochzeit war heute kein Spieltag der Fussball-Weltmeisterschaft. Damals standen sich Deutschland und Kroatien im Viertelsfinale gegenüber. Deutschland verlor 3:0, was vielen unserer Gäste mit deutschen Wurzeln nicht gefallen hatte.

Am späteren Nachmittag gingen wir ins Hotel zurück, um uns für das Abendessen im Restaurant Tim Raue umzuziehen. Da wartete die zweite Überraschung auf uns: Eine Früchteschale und eine nette Glückwunschkarte des Hotels standen auf dem Salontischchen.


restaurant tim raue

Auf den Tag genau drei Monate vor dem Termin hatten wir für den heutigen Abend bei Tim Raue reserviert. Ich freute mich so unglaublich auf die asiatisch inspirierte Küche des berühmten Kochs, dessen Buch "My Way" ich mit Interesse gelesen hatte. Pünktlich um 19:00 Uhr trafen wir beim kleinen, dezent gehaltenen Restaurant an und wurden vom gesamten Restaurant-Team herzlich begrüsst. Wenn ich einen Tisch hätte aussuchen können, so wäre es derjenige an der Ecke am Fenster gewesen - und genau dieser wurde uns zugewiesen. Der Abend startete schon mal perfekt. Wir stiessen mit einem Rosé Champagner an und warfen lediglich einen kurzen Blick in die Karte, denn wir hatten uns längst für das 8-Gang Menü entschieden. Eine kleine Änderung wünschten wir uns allerdings: Wir fragten, ob es denn möglich wäre, Tim Raues Signature Dish, den Wasabi-Kaisergranat, in das Menü hineinzumogeln. Nach kurzem Zögern bot der Kellner uns an, den Kaisergranat zwischen Kopfsalat und Spanferkel einzubauen. Das Menü wurde extra für uns auf edles Papier gedruckt und enthielt bereits unseren Sonderwunsch. 

Was nun folgte, war eine Symphonie für die Sinne. Als Gruss aus der Küche wurden uns acht blau-weisse Schälchen, Tellerchen und Schüsselchen mit unglaublich aromatischen Köstlichkeiten serviert. Als erstes sollen wir den hauchdünn geschnittenen Szechuan-Schweinebauch essen, denn dieser war im Gegensatz zu den anderen Delikatessen lauwarm. Leider mochte Reiner diesen genauso gerne, wie ich, also blieb mir nur die Hälfte unserer Portion. Nicht teilen mussten wir uns das Sashimi, denn davon bekam jeder von uns ein eigenes Schälchen. Der angeblich selbstgezogene Baby-Pak-Choi sah unspektakulär aus, war aber ein Gedicht an Aromen. Schwierig mit den Stäbchen zu essen, war die Papaya. Sowohl Reiner wie auch ich schafften das ohne Unglück und waren ein bisschen stolz auf uns, denn am Nebentisch gelang dieses Unterfangen nicht ganz so gut. Was aussah, wie ein Holzspiesschen in der eingelegten Gurke mit Knoblauch, war essbar und knusprig. Weich in seiner Konsistenz war der Marshmallow, der für einmal pikant und nicht süss war. Weiter gab es eingelegten Ingwer und mit Thaicurry gewürzte Cashewkerne. Jedes Minigericht war excellent gewürzt, hatte eine angenehme Säure und Schärfe. 

  

das menü

IMPERIAL KAVIAR
sprotte | gurke
gurke in reisessig mariniert, limettengelee, tartar von gebeizter makrele, wasabi & sauerklee, mousse von sprotten

ZANDER
kamebishi soja 10y | lauch
gedämpfter zander, geklärte butter, frühlingslauch & junger eingelegter ingwer, sud von 10 jahre gereifter kamebishi soja sauce

MAZARA GARNELE
pondicherry rosé | chioggia
geckochte mazara garnele, pondicherry rosé pfefferöl & baiser, sud von himbeeressig & chioggia bete, eingelegte chioggia bete, frischer wasabi & wasabi rauke, grünes rettichpüree

KOPFSALAT
mitsuba | yuzu
japanisches mitsuba petersilien dressing, schnittlauchöl, gelierter yuzusaft & yuzuschale, sanshobeeren

KAISERGRANAT
wasabi | kanton style
sud von fischsauce, mango & karotte, kaisergranat in stärke eingelegt, im wok gebacken & mit wasabi mayonnaise mariniert & frittierter grüner reis

SPANFERKEL
dashi | japanischer senf
berliner eisbein vom spanferkel, creme von japanischem senf, junger eingelegter ingwer, dashi gelee

ENTENLEBER
miso | aprikose
terrine von entenleber, entenconsommé gelee, mimi ferments misopaste, miso krokant, aprikosen gelee & gesäuerter peperoniessig, marinierte kumquat, frischkäse, eingelegte steckrübe

WAGYU CHIU CHOW CHILI BEEF
kürbis | papaya
geschmorte wagyu beef backe, chiu chow chili öl, beeftea mit orange & sternanis, trevisano püree, gerösteter quinoa, papaya, kumquat

MISPEL
kalamansi | haselnuss
sorbet von mispel & kalamansi, eingemachte mispeln, kumquat relish, eis vom gerösteten milchpulver, pulver und cremeux von haselnuss & süssholz, dinkelcrunch mit süssholz, süssholz-schokoladen-ganache

        

   

Für den ersten Gang wurde uns quietschbuntes Kinderbesteck serviert. Damit liess sich der Kaviar hervorragend essen. Vor der Sprotte fürchtete ich mich völlig zu unrecht. Das Mousse war salzig, cremig und harmonierte wunderbar mit dem Kaviar. Der Sommelier schenkte uns einen Weisswein ein, der überraschend lieblich war, seine Süsse aber in Kombination mit der Säure des Limettengelees und dem Kaviar verlor.

Wir bekamen ein neues Glas mit Gewürztraminer und neues Besteck, dann kam ein geschlossener Behälter an. Im Deckel befanden sich ein paar Löcher, aus denen es mächtig dampfte. Auf dem Teller war Garnitur im Kreis angeordnet. Der Zander wurde in der Mitte platziert und mit der 10 jährigen Saujasauce umgossen. Der Fisch war perfekt gegart, blätterte wunderschön und die Sojasauce war so gut, dass wir sie bis auf den letzten Rest auslöffelten. Das Ablecken sparten wir uns des Anstandes wegen auf.

Die Garnele mit dem winzigen Baiser schmeckte süss und scharf. Sie war butterzart. Gespannt war ich auf den pondicherry rosé pfeffer, der eine zarte Schärfe aufwies.

Etwas skeptisch war ich beim Lesen vom Gericht "KOPFSALAT mitsuba | yuzu". Kopfsalat als Gericht? Was da geboten wurde, war ein knackiges, junges Stück Salat mit einem sauren wundervoll emulgierten Dressing. Dieser Gang wirkte herrlich erfrischend und schaffte Platz für mein Highlight, den Kaisergranat.

Wer Tim Raue kennt, hat schon von dem Wasabi-Kaisergranat gehört und wer Rezensionen liest, der hat nur Lob in den höchsten Tönen gelesen. So ging es auch mir. Noch nie hatte ich etwas besseres, als dieses Stück saftigen Kaisergranat mit der knusprigen Hülle und dem säuerlichen Saucenspiegel.

Nun traf Berlin auf Japan. Auf dem Teller lag ein Gelee und ich war enttäuscht, dass das Spanferkel als Gelee zubereitet wurde. Gerne hätte ich etwas Fleisch gegessen. Mein Fehler war, dass ich nicht darauf geachtet hatte, dass die Bedienung noch etwas dabei hatte, nämlich das Eisbein. Das liess sich mit Leichtigkeit vom Knochen lösen und wurde uns auf das Gelee, das aus Dashi bestand, gelegt. Zusammen mit dem japanischen Senf war diese Berliner Spezialität ein Gedicht. Aussen war das Fleisch herrlich knusprig und innen saftig zart. Selbst zu diesem deftigen Gericht wurde uns ein Weisswein eingeschenkt, der wie alle bisherigen Weine hervorragend dazu passte.

Als nächstes bekamen wir eine Entenleber mit einem luftigleichten Krokantsegel. Einmal mehr fehlen mir die Superlative, um diesem Gericht gerecht zu werden.

Nun bekamen wir ein bauchiges, sehr grosses Glas und als Besteck ein scharfes Messer zu Gabel und Gourmetlöffel. Ins Glas kam der erste und einzige Rotwein des Abends. Ich muss nicht erwähnen, dass es sich um einen hervorragenden Tropfen handelte, leider konnte ich mir weder Rebsorten noch die Weingüter oder Regionen der verschiedenen Weine merken. Was ich mir aber merken konnte, was das unglaublich zarte Wagyu-Rinderbäckchen. Der Löffel hätte gereicht, um das Fleisch zu zerteilen, das Messer hätte es gar nicht gebraucht. Vom Geschmack her war es der Wahnsinn. Ich glaube nicht, je ein besseres Rindfleisch gegessen zu haben.

Vor dem eigentlichen Dessert bekamen wir einen Gruss aus der Patisserie, danach einen Teller mit lauter süssen, aber nicht zu süssen Köstlichkeiten. Meine Angst vor dem meinem Gaumen nicht entsprechenden Süssholz war unbegründet. Obwohl ich bereits mehr als satt war, liess ich keinen Krümmel meines Desserts übrig. Auch der Süsswein dazu leerte ich bis auf den letzten Tropfen.

Zum Abschluss überraschte man uns noch mit ein paar Süssigkeiten. Besonders der eingelegte Rhabarber mit seiner Säure tat es mir an.

Wir verliessen das Restaurant mit einem glücklichen Lächeln und etwas beduselt von dem vielen Wein. Für mich war es mit Abstand das beste Essen, das ich je geniessen durfte. Allein für den Kaisergranat würde es sich lohnen, nach Berlin zu fliegen. Der Sommelier und Restaurant-Manager André Macionga traf eine überraschende, raffinierte Weinauswahl. Wie erwartet, war der Meister Tim Raue himself nicht anwesend, was unserem Erlebnis jedoch keinen Abbruch tat.


bitteres ende

Nach all den tollen Tagen kam nun das bittere Ende. Das heisst, ein bitteres Ende gab es ja bereits, nämlich das Ausscheiden der Schweizer Nati letzten Dienstag. Doch dies habe ich inzwischen verschmerzt. 

Uns stand noch fast der gesamte Donnerstag zur Verfügung. Unser Flug ging erst um 21.05 Uhr. Wie von Easyjet empfohlen, trafen wir um 19:00 Uhr beim Flughafen Schönefeld ein. Auf der Abflugtafel schauten wir nach unserem Flug und lasen entsetzt, dass dieser annuliert worden war. Das konnte doch nicht sein. Ich war todmüde und wollte nur noch heim in mein Bett. 

Eine längere Schlange hatte sich bereits vor dem Easyjet Schalter gebildet. Auch wir stellten uns dort an um zu erfahren, wie es weitergehen würde. Doch nach minutenlangem Anstehen stellte ich auf einmal fest, dass der Schalter nicht mehr besetzt war. All die Leute, die nach London, Wien oder Basel fliegen wollten, wurden einfach im Regen stehen gelassen. Auf der Website von Easyjet erfuhren wir, dass erst übermorgen um 6:15 Uhr ein Flug verfügbar wäre. Somit hätten wir noch mindestens zwei Nächte in Berlin verbringen müssen. Das wollten wir nicht und schauten nach Zugverbindungen nach Basel. Tatsächlich sollte um 21:05 Uhr ein Railjet der ÖBB vom Hauptbahnhof abfahren. Doch wer trug die Kosten?

Neben der Menschenschlange, die inzwischen auf die doppelte oder dreifache Menge angestiegen war, bildete sich eine kleine Gruppe um einen Mann mit Easyjet-Schild. Ich gesellte mich zu ihnen und fragte, ob Easyjet die Kosten für die Bahnfahrt übernehmen würde. Der Mann riet mir wegen der langen Reise ab, meinte aber gleichzeitig, dass vor nächster Woche wohl kein Flugzeug fliegen würde. Er bestätigte mir (leider bloss mündlich) die Kostenübernahme für die Zugfahrt. Ein junger Mann, der nach Wien fliegen wollte, war ausser sich. Scheinbar wartete er bereits seit über einer Stunde auf Informationen, ohne dass er ein Hotel oder einen Ersatzflug hätten buchen können. 

Darum konnte ich mich nicht kümmern, ich drängte Reiner, mit dem nächsten Zug zum Hauptbahnhof zu fahren und unterwegs ein Ticket für den Railjet zu buchen. Wir ergatterten zwei Plätze in einem Zweierabteil eines Liegewagens für 358€. Im Bewusstsein, auf diesen Kosten sitzen zu bleiben, buchten wir und kamen pünktlich am Bahnhof an. Ausdrucken konnten wir das Ticket zwar nicht, aber das musste auch digital gehen, schliesslich befanden wir uns im 21. Jahrhundert.

Das Abteil war winzig klein. Sitzen konnten wir nicht und auch das Gepäck fand kaum Platz in dem engen Raum. Also legten wir uns hin und versuchten zu schlafen, was mehr schlecht als recht gelang. Am Morgen stellte der österreichische Stewart fest, dass er unsere Buchung nicht vorliegen hatte. Ich erklärte ihm unsere Situation mit dem anulierten Flug und der kurzfristigen Buchung. Erst wollte er den Ausdruck haben, akzeptierte dann aber das digitale Ticket, baute unsere Liegen in Sitze um, servierte uns das Frühstück und half mir schliesslich beim Aussteigen mit meinem Gepäck.

Nach all den Berichten im Internet bin ich skeptisch, ob Easyjet uns die Kosten erstattet. Aber wie sagt man so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.